Ja, das ist ein ganzes Buch nur über das weibliche Geschlecht. Also das Organ, das häufig Namenlose, und genau damit möchte die Autorin aufräumen, mit Sprach- und Namenlosigkeit, Scham und Verhüllung. Mithu M. Sanyal hat sich erst kürzlich erneut mit einem kontroversen, feministischen und wichtigen Buch ins Gespräch gebracht, nämlich “Vergewaltigung – Aspekte eines Verbrechens“, erschienen im Sommer 2016 bei Edition Nautilus. Das mag mit der Anlass gewesen sein, ihr bereits 2009 im Wagenbach Verlag veröffentlichtes Buch “Vulva – Die Enthüllung des unischtbaren Geschlechts” nun auch als Taschenbuch aufzulegen. Komplett mit einem Epilog, der gnädig kurz und knapp darlegt, wie die Autorin zu ihrem Thema gekommen ist. Ich sage mit Absicht gnädig, denn ihre Beschäftigung mit der Geschichte des weiblichen Geschlechts führte zunächst immer nur eine Geschichte der Verstümmelung und Verneinung zutage, quasi eine Krankengeschichte. Das Buch ist das Ergebnis ihrer unermüdlichen Suche nach den verschütteten positiven, freudvolleren Seiten dieser Geschichte. Und am Ende steht dann noch ein neues Nachwort, in dem angerissen wird, dass sich seit der Erstveröffentlichung 2009 doch einiges “da unten” getan hat … wobei “da unten” übrigens der verschämt auslassende Begriff für unsere Muschi ist, den Sanyal am vehementesten ablehnt, eben weil er verschleiert und vermeidet, statt zu benennen. Aber immerhin haben wir heute auch Texte wie Margarete Stokowskis “Untenrum frei“, das letztes Jahr erschien, oder Laurie Pennys scharfzüngig-eloquente Analysen “Unsagbare Dinge” und “Fleischmarkt“. Auch die Österreicherin Stefanie Sargnagel (und vor allem die heftig unter die Gürtellinie zielenden Angriffe, denen sie derzeit ausgesetzt ist) kann man im Zusammenhang mit diesem Buch vielleicht mit geschärftem Blick lesen

Blick in die Vergangenheit

Aber beginnen wir am Anfang, denn als erstes (und über weite Teile hinweg immer wieder) geht es in diesem Buch genau darum, die Dinge beim Namen zu nennen und darzulegen, wie sehr Kultur, Philosophie, Religion, Medizin und Psychologie unser Bild vom weiblichen Geschlecht über die Jahrhunderte negativ geprägt und verzerrt haben. Denn wenn man stattdessen Jahrtausende zurückschaut, scheint es doch irgendwann einmal ein Grund zum Feiern, zur Hochachtung und zur Anbetung gewesen zu sein, ein weibliches Geschlechtsorgan zu besitzen, eine Frau zu sein.

Sanyal gräbt tief in Vor- und Frühgeschichte, Mythologie und Theologie, Symbolik und Psychologie, um die positiven oder auch nur merk-würdigen, unerklärten Aspekte der Weiblichkeit, ihrer Darstellung und ihrer Entblößung oder Verhüllung ans Licht zu holen. Das ist spannend, spekulativ und teilweise spektakulär: Immer wieder spielt die Sprache eine Hauptrolle in dieser Geschichte der negierten Muschi, denn wenn man sich die Herkunft von Begriffen und Begriffsfeldern, ihre Bedeutungsverschiebung über die Zeit, die Etymologie von Worten also anschaut, bekommt man irgendwann den Eindruck, dass doch alles zu dieser Ur-Höhle, in der das Leben entstand und immer wieder entsteht, zurückführt.

Über Mythen, Tanz, Kunst und Literatur

Es geht also immer wieder um Deutungshoheit, Überlagerung, Inversion von Begriffen und Bedeutungen … auch in den Teilen, in denen die Sprache vordergründig keine so große Rolle spielt: Nach einem langen Teil, der sich ausführlich mit Mythologie und Religionen befasst (von einer Vielzahl an Göttern und Göttinnen zum Monotheismus, der nur noch einen (männlichen/Vater-) Gott kennt), folgt ein Ausflug in die glitzernden Gefilde von Striptease, Tanz und Burlesque (von Salome und ihren sieben Schleiern bis hin zum freudvollen Burlesque-Revival, an dem wir hier in Berlin ja glücklicherweise auch ausgiebig Teil haben dürfen), und dann schließt sich ein Kapitel über Kunst, Musik und Literatur an, in dem es um den Akt in der Malerei, um Performance  und Body Art, um Riot Grrrls und Spoken Word geht. Und da sind wir doch sofort wieder bei der Sprache, und aus diesem Teil des Buches nenne ich einfach mal ein Beispiel, das hoffentlich neugierig macht und außerdem zeigt, dass hier so viel mehr drinsteckt als “nur” eine Abhandlung über die Verhüllung des Geschlechtsorgans, auch wenn man sich Boticellis Venus ruhig nochmal unter diesem Gesichtspunkt anschauen kann: Bisschen verschämt für eine Liebesgöttin, oder?!

Zum Beispiel Computer

Ada Lovelace, Lord Byrons Tochter, hat bekanntlich (?!) das allererste Computerprogramm geschrieben, aber wer ahnt schon, dass der zu ihrer Zeit hochmoderne und komplexe Jacquard-Webstuhl dabei das Vorbild für den “Computer” gewesen ist? Die Verbindung von Text und Textil ist kein Zufall, Netzwerken fand beim Weben statt, einer Weiberarbeit, und von dieser Stelle aus laufen die Fäden auch in die anderen Kapitel und ergeben ein schillerndes Netz aus Bezügen, einen vielfältigen Zusammenhang: Das englisch Wort “tease” etwa, das auch im Striptease vorkommt und von ‘aufziehen’ über ‘necken’ bis hin zu ‘sexuell provozieren’ so einiges bedeuten kann, bezeichnete ursprünglich das Auskämmen von Wolle. Auch der Stoff, auf dem Text produziert wurde, das Papier (und seine Vorläufer), wurde aus verschiedenen Fasern gewirkt, ob der Grundstoff nun Holz, Lumpen, Schilf oder gar Seide war…

Am Ende steht das befreite Lachen

In solchen begrifflichen Netzen kann ich mich endlos verstricken, und deswegen gefällt mir dieses Buch auch überaus gut – aber natürlich muss man sich auch durch die empörende Geschichte weiblicher Unterdrückung kämpfen, immer wieder lesen, wie wir zum Schweigen gebracht wurden und uns schämen sollten, wie “Frau” und auch “Vulva” bzw “Vagina” gleichgesetzt wurden mit Sünde, Mangel und Neid, Hysterie, Abnorm, Abweichung, Gefahr, Versuchung … um im Bild zu bleiben: wer sich diesen Höllenritt gibt, hinabsteigt ins dunkle Loch der Vergangenheit und der menschlichen Psyche, wird mit neuem Wissen wiedergeboren, und mit Bildern von Göttinnen, Tänzerinnen und Künstlerinnen. Und kann die enthüllte Vulva mit einem Lachen begrüßen, ganz so wie es offenbar vor langer Zeit in vielen Kulturen getan wurde.

Hier geht’s zum Buch. Viel Spaß damit!