Noch ein Buch, das ich quasi von der Leipziger Buchmesse mitgebracht habe. Und was für eins: Es ist bunt, schillernd, versoffen und dreckig, es ist Seide und Eiche rustikal, Eierlikör und Blut, Blaumann und Pelz, es ist Sex und Niederlage, Neid und Gefahr. Und vor allem ist es reine Poesie.

Watt soll man dazu sagen? Fangen wir beim Titel an: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte. Kann man entschlüsseln, es geht um Vergangenheit, um Sexarbeit, um kulinarische Offenbarungen, die womöglich nicht jedermanns Sache sind (so viel Butter, so viel Eier, so viel Schnaps!). Und es geht um den Pott, den Ruhrpott. Mehr noch um seine Sprache, denn der wird in diesem Roman ein angemessen wahnsinniges und wunderschönes Denkmal gesetzt. Auf alle Fälle hat der Titel schonmal alles richtig gemacht, denn wenn der nicht neugierig macht, dann weiß ich auch nicht. Man fängt gleichermaßen fasziniert und vorsichtig an zu blättern, zu lesen: wer weiß, watt da alles kommen tut!

Von Essen nach Berlin

Aber nicht nur das Ruhrgebiet spielt eine zentrale Rolle, sondern auch Berlin, denn bekanntlich fliehen oder ziehen da ja sowieso alle hin, bloß weg aus Provinz oder Pott. Und so spielt sich der größte Teil er Geschichte auch in Kreuzberg ab, mit vielen Ausflügen in die Essener Vergangenheit. Und beide haben es in sich, Gegenwart und Vergangenheit, denn da wird gevögelt und verkauft, geliebt und geschlagen, gesoffen und geklaut. Und Schlimmeres, aber manchmal muss datt wohl.

Die Sprache: Ein Glanz!

Sprache und Ton sind hier nicht ganz alltäglich, oder besser: die Alltagssprache wird zwar massiv eins zu eins abgebildet (was literarisch ja nicht unbedingt alltäglich ist), aber sie wird auch erhöht, gefeiert, in besagte Poesie verwandelt. Großen Anteil daran hat eben auch der Tonfall der Erzählstimme, Bianca, ihres Zeichens Schlüppi-Designerin und Enkelin der titelgebenden Omma. Es ist sicher kein Zufall, dass ich mich immer wieder an Irmgard Keuns wunderbaren Berlinroman “Das kunstseidene Mädchen” von 1932 erinnert gefühlt habe, auch wenn Biancas Seide echt ist (dank einem Vater, der Kollegen hat, bei denen schonmal was vom Lastwagen fällt). Keuns stetig wiederholte Affirmation “Ich bin ein Glanz” findet bei Basener ihren Widerhall, wenn Bianca sagt: “Ich bin doch eine Wucht und eine Selbständigkeit” oder “Ich bin ein Funkeln, ich rede nicht über Schwächen, ich glänz über die weg”, und dann blitzt das nur noch auf in so Sätzen wie diesem: “Ich bin um einiges vielschichtiger, eine einzige Komplexität liegt hier neben dem Grab einer Hure wie eine hingegossene, verletzte Prinzessin.” Diese Sätze, gebaut mit einem Faible für Kitsch und einem Blick, der seziert und die Kamera ganz nah draufhält, und gleichzeitig umflort und tänzelt – das muss man erstmal hinbekommen.

Lady Danger

Und deshalb sage ich der Frau Basener auch Großes voraus, denn die hat als Erzählerin eine Stimme und einen Blick, der aus dem Einerlei heraussticht wie Lady Danger, Biancas bevorzugte Lippenstiftfarbe. Genauer gesagt sticht er auch aus dem Zweierlei heraus, ist sicher nicht so schlicht und straightforward wie der Erzählton, den wir von sogenannter leichter Lektüre und Unterhaltungsliteratur gewohnt sind, aber ebensowenig manieriert und anstrengend wie manch anspruchsvolles Werk, das sich als ernsthafte Literatur versteht. Da komme ich doch unweigerlich wieder auf mein Fazit der Buchmesse zurück, dass es nämlich da am schönsten und am buntesten und auch am wahrsten ist, wo E und U zusammentreffen und ein Tänzchen wagen. Oder einen Fick, in diesem Fall.

Lesung, Hörbuch, Film

Ich habe der Anna Basener ja schon zweimal lauschen dürfen, als sie aus dem Buch gelesen hat, erst im Ocelot, dann auf der Messe, daher konnte ich es kaum erwarten, das ganze Buch zu lesen, aber ich kann euch sagen, heieiei, da kommt noch watt! Das wird noch weit wilder, als so Lesehäppchen mit Brieftauben, Seidenschlüppis, nächtlicher Ringbahnfahrt und Puff abfackeln einem schon versprechen. Viel wilder! Für alle Lesefaulen gibt’s auch ein Hörbuch, und verfilmt wird die Geschichte ebenfalls. Also ich freu mich drauf!

Und wer jetzt noch mehr wissen will, zum Beispiel, wann man der nächsten Lesung lauschen kann, der schaut auf den Anna Basener ihre Webseite. Weißbescheid.
(Hallo, Anna! In Ordnung so, meine Ruhrdeutsch-Versuche? Das ist verdammt ansteckend, auch für ne Rheinländerin. Und hör mir auf mit dem G und dem J! Kölsch ist auch voll okay, so als Sprache.)