Auch wenn uns der Oktober hier in Berlin gerade noch einmal mit sonnig-goldenen Nachmittagen verwöhnt, wissen wir ja alle, dass die kalte, ungemütliche Jahreszeit uns bald wieder fest im Griff hat. Was immer hilft ist lesen. Von uns also endlich mal wieder eine Buchempfehlung.

Verzweiflung & Zweifel

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs fällt Helenes Mann Wilhelm. Sofort bekommt die junge Frau die Grausamkeit des Krieges zu spüren, muss sie doch irgendwie das gemeinsam erbaute Haus halten und die Tochter und die Freunde vor dem Hungertod bewahren. Sie beginnt zu arbeiten und nimmt eine Brieffreundschaft mit einem Soldaten im Feld auf, dem sie von ihrem Kummer und ihrer Verzweiflung erzählt. Sie sieht nur noch den »Menschenschlick«, wie sie ihn jeden Tag in der Fabrik durchwaten muss. Franz, der unmittelbar erfährt, wie schmutzig das Töten ist, ist der Einzige in Helenes Umfeld, der den Krieg nicht bejubelt, sondern ihre Befürchtungen bestätigt: »Wer ein Leben in Unmenschlichkeit ertragen kann, ist in Wahrheit der Unmensch«, schreibt er ihr. Und: »Sollte ich jemals heimkommen, wird keine Freundschaft mehr möglich sein.«

Auflehnung

Doch Helene lehnt sich auf, soweit das die Konventionen ihrer Zeit, die massive Armut und die Gefahren des Krieges erlauben. Sie nimmt nicht einfach schweigend hin, was ihr zustößt, sondern lenkt ihr Schicksal mit mutigen Entscheidungen in neue Bahnen.
Damit steckt sie, hundert Jahre später, Svea an, die einsam und verwirrt in Helenes Haus einzieht – mit einem Baby und der Sehnsucht nach Christian, von dem sie noch nicht weiß, ob er das gemeinsame Leben mit ihr und dem kleinen Linus wirklich will. Doch inspiriert von Helene beginnt sie, sich von der Sorge um die leiten zu lassen, die sie liebt. Und mit Linus auf dem Arm scheint ihr selbst ihre eigene entfremdete Familie wieder erreichbar.

Familiengeschichten

In »Schlick« verwebt Dorian geschickt die Schicksale zweier Familien und enthüllt dem Leser, dass das Aufdecken von Geheimnissen nicht zwingend die Zerstörung aller bisherigen Sicherheiten bedeutet – sofern der Aufdeckende klug mit seinem Wissen umgeht.
Die poetische Sprache der Autorin und ihr Geschick, in knappen Szenen Figuren und Handlungen lebendig zu machen, tun ihr Übriges für einen außergewöhnlichen Lesegenuss.

Details: »Schlick« von Ada Dorian. Ullstein Verlag, 272 Seiten, erschienen am 13. Oktober 2017

Und das sagt der Klappentext:
»Ein Toter und zwei Lebende auf einem Bild. Vater, Mutter, Kind. Dieses Foto hätte es so gar nicht geben dürfen – und doch hing es wie selbstverständlich jahrzehntelang in dem Haus, in das Svea mit ihrem Neugeborenen einzieht. Während sie mit ihrem eigenen Leben hadert, ist Svea fasziniert von Helene, der Frau auf dem Bild.
Ein poetischer Roman über zwei Frauen, die sich verblüffend ähnlich sind, obwohl sie hundert Jahre trennen, über die Konstruktion von Erinnerungen und darüber, wie viel Ungesagtes eine Familie verträgt.«