»Als meine Mutter zum ersten Mal starb, war ich bei ihr.«

So beginnt Arno Frank seinen Roman »So, und jetzt kommst du«. Mit solchen Anfängen gewinnt man Preise, und so traurig diese Gewissheit ist, so sehr hätte Frank einen Preis verdient.

Er hat nicht nur einen starken Anfang gewählt, er hat auch eine starke Geschichte zu erzählen. Die Geschichte einer Kindheit in den Achtzigern, die von »einigermaßen normal« in der Pfalz, über »ziemlich abgehoben, aber sicher spaßig« in Südfrankreich, bis hin zu »ups, wie konnte es denn so weit kommen?« in Portugal stetig immer traumatischer wird.

In vier Teilen schildert er eine Flucht quer durch Europa, denn der Vater, Ernährer der fünfköpfigen Familie und kleinen bis extremen Betrügereien nicht abgeneigt, wird von der Polizei gesucht. Anfangs ahnt der junge Arno davon nichts, lässt sich nur die Stammtischsprüche des Vaters vorbeten und verinnerlicht sie, wie es ein braver Sohn nun mal tut. Doch schon am Gesundheitszustand des großen Hundes der Familie, der der Leishmaniose zum Opfer fällt, kann man ablesen, wie schlimm der jeweilige Abschnitt der Flucht wird: Es geht ziemlich tief runter, wenn man sich ohne Geld und ohne Arbeit durchschlagen will. So tief, dass die Tochter des Hauses am Ende in ihrer Verzweiflung ihre ganz eigene Maßnahmen ergreift.

Manchmal real, manchmal erfunden

Der Journalist Frank erzählt diese autobiografische Geschichte aus der Sicht seines jungen Alter Ego – eindrucksvoll, in direkten, manchmal verspielten, manchmal poetischen Worten.

»Mein Vater ist eine geologische Gegebenheit. Unhinterfragbar da, wie die Kordilleren oder die Pyrenäen.«

Immer ist man hingerissen von der scheinbaren Naivität des Erzählers, der aber bei genauerem Hinsehen viel mehr versteht und hinterfragt, als man zunächst annimmt. Als der Sohn ein Buch seines Namensvetters Arno Plack findet, fragt er den Vater: »›Die Gesellschaft und das Böse. Was ist das Böse, Papa?‹ – ›Die Gesellschaft‹, sagte mein Vater.«

Das kann man natürlich so sehen, wenn man dringend die Schuld für das eigene Versagen im Außen suchen will. Verurteilen wird der Sohn den Vater aber trotz dessen Verfehlungen nicht. Er beschränkt sich auf die subjektive Darstellung seiner Emotionen, die zwischen Bewunderung, Urvertrauen und mehr oder weniger stummem Leiden schwanken.

Einziger Wermutstropfen: Aus mir unverständlichen Gründen fügt Frank Prolog und Epilog ein; da ist man gemeinhin im klassischen Drama oder bei einem Selfpublishing-Neuling, der allen Ernstes glaubt, das sei Standard. Frank zählt definitiv nicht zu Letzteren, dennoch hätte er sich – dem starken ersten Satz zum Trotz – diesen Kunstgriff sparen können, zumal er nicht die Geschichte von Mutter und Sohn Frank erzählt, sondern vielmehr die Geschichte des Vaters, dessen Betrügereien, Faulheit und feste Überzeugung, klüger zu sein als alle anderen, die restliche Familie in den Abgrund reißen.

»Da ist die Brücke, da ist der Pfeiler. Für einen Wimpernschlag setzt der Regen aus. Und sofort wieder ein.«

»So, und jetzt kommst du« ist ein Buch, das in seiner Schönheit den Schrecken des Niedergangs einer Kindheit nur schwach verhüllt – und das ist genau die richtige Art, solch einen Niedergang zu erzählen.

Eine Rezension von Simona Turini. Mehr unter: http://simonaturini.de/