Was kann man über diesen kurzen, rasiermesserscharfen Roman bloß sagen? Ohne zu spoilern. Das Meer spielt eine wesentliche Rolle, das schmutzige, sterbende, gefährliche Meer und seine Fauna. Kunst ebenso. Außerdem Drogen, Alkohol, Prostitution und Kriminalität. Voodoo, Santeria, Tarot, Religion, Politik. Technologie und ihre Grenzen, Cyborgs und Einhändige. Sex. Gewalt. Musik.

In den Fängen der Zeit

Und immer wieder Zeit. Hier bestimmt die Zukunft die Vergangenheit auf eine Weise, als hätte es die noch gar nicht gegeben. Prophezeiungen müssen erfüllt werden, das einst Vergrabene kommt wieder an die Oberfläche. Der Leser wird ebenso wie die Figuren von einer Zeit in die andere geworfen, als wären sie alle nur Spielball der Wellen, orientierungslos und blind, während unten im Riff in einer Felsspalte etwas wartet.

Der Name Lovecraft fällt dabei zwar auch einmal, aber in diesem Fall sind die titelgebenden Tentakel die einer Seeanemone, und dürfen gleichzeitig Bild für all das sein, was einen nicht aus den Fängen lässt. Drogen, Politik, die Vergangenheit, das Schicksal?

Wenn ich zum Augenblicke sage …

Die Gedanken einer Figur beschreiben ebenso treffend die Erzählweise des Romans: “Es muss einen Namen für diese Art von Zufall geben. Immer wenn er einen bestimmten Begriff zum ersten Mal hörte, tauchte gewissermaßen aus dem Nichts eine Flut von damit zusammenhängenden Hinweisen, Informationen und Erwähnungen auf, als stelle das Universum die Werkzeuge des Lernens bereit oder als befürworte es einen bestimmten Pfad der Erkenntnis.” Diese Flut reißt einen mit, ertränkt den Leser im Treibgut ihrer schillernden Fabulierkunst. Man muss sich nur darauf einlassen und mit der Strömung schwimmen. Am Ende wird man mit einem faustischen Moment belohnt.

Rita Indiana: Tentakel. Übersetzt aus dem dominikanischen Spanisch. Erscheint im März im Wagenbach Verlag Berlin